„Ich denke nicht an Grenzen
– ich denke an Möglichkeiten“ 

JULIA HANSEN ÜBER KÜNSTLERISCHE VERANTWORTUNG, DIE BELEBUNG VON RÄUMEN UND DIE FRAGE, WARUM KULTUR NIEMALS STILL SEIN DARF

 

Julia Hansen - Künstlerische Leiterin und Initiatorin der KULTURKRAFTTAGE photo ©fskphotography

Ein Kornspeicher, denkmalgeschützt, heute eine große Bühne für die größte Oldtimer-Erlebnisausstellung Europas: Der PS.SPEICHER in Einbeck liefert ein Panoptikum automobiler Technikgeschichte. Kein klassischer Kulturort – und doch Jahr für Jahr bereit für den ganz anderen großen Auftritt, wenn es heißt: Bühne frei für die KULTURKRAFTTAGE! Was als ambitioniertes Wagnis begann, hat in fünf Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung genommen: von 500 Besucherinnen und Besuchern im ersten Jahr auf 2.100, von vorsichtiger Skepsis zu 87,5 Prozent Auslastung. Doch die Initiatorin, Künstlerische Leiterin und Schauspielerin Julia Hansen spricht nicht von Erfolg. Sie spricht von Entwicklung, von Verantwortung – und von einem Feuer, das nicht ausgehen darf.  

Frau Hansen, was muss passieren, damit aus einer frisch etablierten Veranstaltungsreihe so etwas wie eine „kulturelle Notwendigkeit“ wird? 
Julia Hansen: Mit dem Wort „Notwendigkeit“ fremdele ich – weil es wie ein Dekret klingen kann. Notwendigkeit ist individuell. Für den einen ist es Sport, für den anderen die Oper. Das kann man niemandem vorschreiben. Wir schaffen ein Angebot, und das heißt ‚Kultur‘. Allerdings berühren wir genau damit tatsächlich einen elementaren Kern. Denn wenn wir Menschen nicht verstehen, dass wir alle über Kultur miteinander verbunden sind, verlieren wir etwas Wesentliches. 

Worauf zielen Sie ab – was meinen Sie damit? 
Julia Hansen: Kultur ist Kommunikation. Das Erste, was wir lernen, ist singen, dann tanzen, dann sprechen. Das ist universell, das funktioniert über Sprach- und Ländergrenzen hinweg. Und aus diesem kreativen Raum heraus erwachsen auch alle Erfindungen, alle Ideen – in der Wissenschaft genauso wie in der Kunst oder im Alltag. Deshalb muss Kultur auch ein freier Raum bleiben: Frei von Ideologien, frei von Dekreten. Und zugleich vertraut genug, damit menschliche Produktivität und kreative Entwicklung möglich sind. Das ist gerade in so unruhigen Zeiten wie heute sehr  wichtig. 

Welche Rolle spielen die KULTURKRAFTTAGE in diesem Zusammenhang? 
Julia Hansen: Sie sollen nicht passiv konsumiert werden, sondern sie wollen aktivieren: Sensibilität, Freude, Neugier … Wenn man sich in die Bequemlichkeit zurückzieht, verliert man leicht die Verbindung zu dem, was einen innerlich berührt. Richtig gefährlich wird es dann, wenn Kultur aus dem Bewusstsein verschwindet und die Empfänglichkeit dafür, bewegt zu werden, erlischt. Wenn man Kultur nicht einmal mehr vermisst. Genau das ist unser Punkt: Wir wollen Impulse geben, überraschende Akzente setzen, bevor Kultur keinen Platz mehr hat. Nicht höher, schneller, weiter – sondern ehrlich, tief, mit spürbarem Nachklang. 

Gab es ein Vorbild für dieses Format? 
Julia Hansen: Nein. Es war mein ureigener, intrinsischer Antrieb. Als Bühnenkünstlerin arbeite ich mit flüchtigen Momenten: gesehen, gehört – und vorbei. Ich wollte etwas schaffen, das bleibt, das wächst. Etwas, das weiterwirkt. Ich will etwas hinterlassen, das ich als sinnhaft empfinde – einen Funken, den ich weitergebe. 

Sie beschreiben die KULTURKRAFTTAGE fast wie ein künstlerisches Werk …
Julia Hansen: Das ist es auch. Ein Kulturereignis darf nicht mechanisch ablaufen, sonst verliert es seine Seele. Nicht „zwei links, zwei rechts“ nach Strickmuster. Jedes Jahr hat sein eigenes Gesicht. Die Varianz der Genres, die Zusammenstellung der Persönlichkeiten, die Dramaturgie des Wochenendes – das alles ist bewusst kuratiert. Ich habe die Blaue Stunde so gedacht, die Matinee, die Bühnengespräche, den KULTURKRAFT-Talk: Das sind Formate, die aus dem Wunsch heraus entstanden sind, sich immer weiter zu entwickeln.  

Diese Genre-Vielfalt – Klassik, Jazz, Rhythmen aus aller Welt und Literatur nebeneinander – ist das nicht riskant? 
Julia Hansen: Menschen lieben Schubladen, das stimmt. Da weiß man, was man kriegt. Aber genau das möchte ich aufbrechen. Und das Publikum dankt es uns: Ich höre immer wieder von Besuchern, die für einen bestimmten Abend gekommen und dann länger als gedacht geblieben sind: ‚Dieses andere Konzert, da wären wir nie reingegangen, wenn wir nicht schon da gewesen wären, aber es war unglaublich.‘ Diese Überraschung, diese Bereicherung – das ist genau das, was die KULTURKRAFTTAGE ausmacht. 

Im PS.SPEICHER stehen eigentlich Glanzstücke der Automobilgeschichte im Vordergrund. Die KULTURKRAFTTAGE glänzen durch Kreativität, Spontaneität, Dialog und Nähe zwischen Künstlern und Publikum. Ein Widerspruch? 
Julia Hansen: Nicht wirklich. Aus dem Theater weiß ich: Räume verändern Wahrnehmung sofort. Man spürt, ob ein Raum unterstützt oder hemmt. Die Herausforderung ist also, in die Räume Leben hineinzuhauchen, das die KULTURKRAFTTAGE und all das, wofür sie stehen, trägt. Das PS-Forum wird dazu zum „Cosy Forum“, ich hänge Bühnenvorhänge, arbeite mit Akustik, Licht oder Vogelgezwitscher. Dann wird der Ort zum Erlebnisraum und die Begegnung verschiedener Welten zum Potenzial für zusätzliche Inspiration – dann funktioniert es. 

Wie hat sich Ihre Rolle in fünf Jahren verändert? 
Julia Hansen: Da ist viel gewachsen: Mehr Verantwortung, andere Erwartungen. Und zugleich bin ich ganz und gar bei meinem inneren Kern geblieben. Die Künstlerinnen und Künstler, die ich einlade, sind immer Menschen mit Aussagekraft, mit Persönlichkeit: Nicht nur großartige Darsteller und Musiker, sondern auch großartige Menschen. Da stehe ich jederzeit mit voller Überzeugung dahinter. Kritik nehme ich an, solange sie geschmacklicher Natur ist. Aber ich muss mir auch selbst treu bleiben, sonst kommt irgendwann eine Hybris hinein, und man ist nicht mehr angebunden an das, was am Anfang stand. 

Was braucht es neben dem inneren Feuer, damit so ein Projekt Bestand hat? 
Julia Hansen: Eine gute Idee allein reicht nicht. Du brauchst Menschen, die du begeistern kannst, ein verlässliches Netzwerk, einen kühlen Kopf. Du musst etwas über Zahlen verstehen, eine Struktur aufbauen, die nicht auf Sand gebaut ist. Man kann kein Haus ohne Statik errichten, so schön man es sich auch ausmalt. Solche Hausaufgaben haben nichts Romantisches – und sie sind doch die Voraussetzung, damit künstlerische Energie tragfähig wird.  
 
Darf Kultur auch herausfordern, provozieren? 
Julia Hansen: Immer. Nur würde ich das niemals – wie es ja gelegentlich getan wird – als gewollte „Zumutung“ etikettieren. Solche Worte können Menschen abschrecken, die sich eigentlich darauf einlassen würden, und das ist nicht das Ziel. Ich denke lieber konstruktiv: Nicht in Grenzen, sondern in Möglichkeiten. Positiv rahmen, einladen, fördern – nicht mit der rosaroten Brille, sondern mit der Überzeugung, dass da immer noch ein bisschen mehr geht.

Wo sehen Sie derzeit die größte Bedrohung für kulturelle Arbeit? 
Julia Hansen: Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, geht es auch der Kultur schnell schlecht. Das sieht man jetzt. Aber Kultur muss laut bleiben – und das Publikum darf gerne mit laut sein und einfordern: ‚Wir wollen das hier weiterhin haben.‘ Vielleicht bräuchten wir – zugespitzt gesagt – sowas wie ‚Kultur auf Rezept‘. Das meine ich nicht als Gag, sondern als Gedankenexperiment, denn kulturelle Teilhabe kann resilienter und gesünder machen. Sie gehört überall dazu, wo die Besonderheit des Moments zum Thema wird: Von der Olympiaeröffnung bis zum Jahresempfang. Und ebenso darf sie auch im Alltag nicht einfach verschwinden. 

Zum Schluss: Was erwartet uns bei #5JahreKulturkraft? 
Julia Hansen: Vier Tage konzentrierte Energie und starke Persönlichkeiten: Das Leipziger Klavierduo mit „Dance Portraits“ oder auch  die fantastische Akkordeonistin Ksenija Sidorova, die passend zum ‚Jahr des Akkordeons‘ mit dem Signum Saxophone Quartet bei uns auf der Bühne steht. Dann natürlich Christoph Maria Herbst mit satirischen Texten im Zusammenspiel mit dem Sélean Trio, Dominique Horwitz mit dem Pianisten Andres Reukauf und einer Hommage an „Jacques Brel“, sowie – als traditionelles Herzstück – die Matinee mit dem festen künstlerischen Kernteam der KULTURKRAFTTAGE. Dazwischen: Bühnengespräche, Nähe zu den Künstlern, kurze Wege. Ein verlängertes Wochenende der kulturellen Neuentdeckung, das nicht mehr will als das: Menschen auf inspirierende Weise zusammen und in Bewegung zu bringen.